"Du bist die primäre Tabubrecherin!" - Werke & Leben von Helga Sophia Goetze

kuratiert von Antonia Hillebrand, Agnes Hoffmann und René Luckhardt

mit freundlicher unterstützung von Karin pott, galerie haus am lützowplatz

Fotos von Stefan Maria Rother

Film "Rote Liebe" mit Helga Goetze, Regie Rosa von praunheim, mit freundlicher genehmigung von rosa von praunheim

Filmische Dokumentation Monika Wojtyllo, mit freundlicher Genehmingung der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" Potsdam-Babelsberg und Monika Wojtyllo

15 - 26 Januar 2012, Eröffnung 14 Januar, 18 - 21.00

 

Helga Sophia Goetze, photo and copyright by Stefan Maria Rother. Wonderloch Kellerland Berlin 2012Foto & copyright: Stefan Maria Rother

 

„Ficken ist Frieden!“ propagierte Helga Sophia (Goetze) über 30 Jahre täglich vor der Gedächtniskirche am Berliner Breitscheidplatz. Deswegen und wegen ihrer Fernsehskandale in den 70er und 80er Jahren, bei denen sie von ihrer Hochzeitsnacht erzählte oder sich auszog, ist Helga Goetze vielen ein Begriff. 1981 interviewte Rosa von Praunheim sie für seinen Film Rote Liebe. Sie war Gast bei Christoph Schlingensiefs Quiz 3000 an der Berliner Volksbühne, bei Talkshows mit Ilona Christen, Bärbel Schäfer und Jürgen von der Lippe. Wenige kennen jedoch ihre etwa 300 Stickereien in allen Größen und über 3000 Gedichte.

Vor dem Umzug ihres Werkes nach Lausanne in das Museum Collection de L’Art Brut sollen Stickbilder der Aktivistin und Künstlerin noch einmal in Berlin gezeigt werden. Schwarzweiß-Fotografien des Berliner Fotografen Stefan Maria Rother aus dem Jahr 1988 und der Film „Sticken und Ficken“ von Monika Anna Wojtyllo von 2003 geben Einblick in Helgas bewegtes Leben zwischen Kunst, Gesellschaftsgestaltung und Sex.

1922 in Magdeburg geboren, heiratete Helga 1942 einen 12 Jahre älteren Mann, mit dem sie im Süden Hamburgs sieben Kinder großzog. Nach einer Affäre mit dem Sizilianer Giovanni schrieb sie Annoncen: „Weibliches Wesen, geistig vielseitig interessiert, sucht Begegnung in Körper, Geist und Seele“ und trug Gedichte im Hamburger Kulturzentrum „Fabrik“ vor. Eine WDR-Reportage und Talkshow über diese Hausfrau mit häufig wechselndem Geschlechtsverkehr löste 1973 den ersten Skandal aus. Unterstützt wurde sie u.a. von Volker Elis Pilgrim und Peggy Parnass. Die Bildzeitung beschimpfte sie als Deutschlands Supersau. Pilgrim betitelte darauf einen Gedichtband „Hausfrau der Nation oder Deutschlands Supersau“. Der Ausspruch des Vorsitzenden der ‚Freien Akademie’ Lothar Stengel-von Rutkowskis „Du bist die primäre Tabubrecherin!“ gab ihr damals und später Kraft.

Nach ihrer Scheidung 1974 besuchte Helga mehrmals die Friedrichshof-Kommune des österreichischen Aktionskünstlers Otto Muehl, 25 Jahre älter als die meisten Anwesenden, und gründete in Hamburg selber eine WG mit freier Sexualität. 1978 zog sie nach Berlin, wo sie zunächst vor der TU, später vor der Gedächtniskirche eine tägliche Mahnwache für angstfreie und friedliche Sexualität hielt. Ihr besonderes Anliegen waren die sexuellen Nöte von Heranwachsenden und von Frauen über vierzig. Für die Mahnwache hatte sie sich und der Friedensbewegung eine Fahne gestickt, die geklaut wurde. Sie stickte eine neue und stickte dann immer mehr. Reportagen, Auftritte im Fernsehen und in Kabaretts (u.a. bei den Stachelschweinen) folgten, sowie Lesungen und Ausstellungen in öffentlichen Galerien oder auch in ihrer Wohnung in der Schlüterstraße. Helga Sophia Goetze verstarb am 29. Januar 2008 im Alter von 85 Jahren.

 

Helga Sophia Goetze, Installation view 1, Wonderloch Kellerland 2012, photo Stefan Maria Rother

 

Helga Sophia Goetze, Installation view 2, Wonderloch Kellerland 2012, photo Stefan Maria Rother

 

Helga Sophia Goetze, Installation view 3, Wonderloch Kellerland 2012, photo Stefan Maria Rother

 

Helga Sophia Goetze, embroidery courtesy Karin Pott, Wonderloch Kellerland Berlin 2012, photo Stefan Maria Rother

 

Helga Sophia Goetze, photographs courtesy Stefan Maria Rother, Wonderloch Kellerland Berlin 2012, photo Stefan Maria Rother

 

Helga Sophia Goetze, Film screening: Sticken und Ficken, courtesy Monika Wojtyllo and Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf Potsdam-Babelsberg, Wonderloch Kellerland Berlin 2012, photo Stefan Maria RotherAlle Fotos Stefan Maria Rother

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Helga_Sophia

www.helgagoetze.de

www.stefanmariarother.com

www.monika-wojtyllo.com

www.schlingensief.com/downloads/quiz3000_berlin2_low.ram (Quiz 3000. Du bist die Katastrophe, Christoph Schlingensief, März 2002, Berliner Volksbühne, 1:22 bis 1:55)